Fates Warning

Keine Lust mehr auf Airplay

(Interview mit Ray Alder, Mai 1997)

Während der normale Rock'n'Roller an diesem Samstagmorgen noch im Koma oder zumindest in der Koje liegt, hat Ray Alder, Sänger der Prog Metal-Legende FATES WARNING, schon ein halbes Dutzend Interviews abgerissen. Meine Bemerkung "Nächstes Interview, dieselben Fragen" beantwortet der Kollege am anderen Ende der Strippe nur mit einem lockeren "Och nee, einige sind schon unterschiedlich".

Wie wohl alle anderen will ich trotzdem zuerst mal wissen, was denn aus den beiden früheren Mitgliedern Frank Aresti (Gitarre) und Joe DiBiase (Bass) geworden ist...

Nachdem wir die "Inside Out"-Tour hinter uns hatten, beschloß Joe, dem Musikbusiness im allgemeinen Lebewohl zu sagen. Er hat eine Familie, die ihm sehr wichtig ist, und will sich mehr darum kümmern und lieber einem vernünftigen Job nachgehen. Es war aber schon eine schwere Entscheidung für ihn. Und wir vermissen ihn auch, denn er war nicht nur ein guter Bassist, sondern auch ein guter Freund. Frank dagegen war irgendwie unglücklich mit der Band, denke ich. Irgendwie entfernte er sich immer weiter von uns, und als Joe ging, hat auch er entschieden, die Musik an den Nagel zu hängen und FATES WARNING zu verlassen.

War das kein großer Rückschlag für euch, daß gleich zwei alte Mitglieder die Band verlassen haben, speziell Joe war ja von Anfang an dabei.

Fates Warning Nein, eigentlich nicht. Es war mehr eine Art Erwachen für den Rest von uns. Wir haben uns dann ein wenig Zeit genommen, uns zu überlegen, was wir jetzt machen sollen, und ob wir neue Musiker als feste Bandmitglieder verpflichten wollen oder nur für die Platte. Und dann entschieden wir uns für letzteres und dafür, ein Trio zu bleiben. Nur Jim, Mark und ich. Es fehlt natürlich schon irgendetwas, aber ich denke, es war eine weise Entscheidung, jetzt zu dritt weiterzumachen.

Also sind sowohl Joey Vera (Bass, Ex-ARMORED SAINT) als auch Kevin Moore (Keyboards, DREAM THEATER) nur Gastmusiker?

Joey wird uns auch auf Tour begleiten, aber er hat eine Menge anderer Sachen am Laufen, unter anderem ist er ja auch bei TRIBE AFTER TRIBE. Ich denke nicht, daß er zur Zeit bereit ist, sich für eine einzige Band zu entscheiden.

Hat er auch noch sein Solo-Projekt?

Ich glaube nicht. Aber er spielt in vielen verschiedenen Bands, und er schreibt auch Musik. Aber er ist nicht irgendwo festes Bandmitglied.

Und Kevin?

Kevin spielt nur auf dem Album. Er ist ein langjähriger Freund von uns, und deshalb fragten wir ihn, ob er auf unserer Scheibe Keyboard spielen würde, und er war einverstanden. Auf der Tour haben wir Ed Roth mit dabei, der bei IMPELLITERI Keyboarder war.

Ihr seid überhaupt sehr gute Freunde von DREAM THEATER, der Band von Kevin ...

Wir kennen uns ja auch schon etliche Jahre. Jim und Joe kennen die DREAM THEATER-Jungs noch aus deren Anfangstagen, als sie noch MAJESTY hießen. Es ist einfach eine langjährige Ostküsten-Freundschaft, wenn du so willst. Wir mögen ihre Musik und sie unsere.

Werdet ihr auch in Zukunft ein Trio bleiben?

Im Moment klappt das sehr gut. Vielleicht werden wir irgendwann mal wieder ein neues Bandmitglied hinzunehmen, aber es ist schwierig zu beurteilen, ob das jemals geschehen wird.

Auch für die neue Scheibe habt ihr mal wieder drei Jahre gebraucht. War das wegen der personellen Veränderungen?

Als die zwei uns verlassen hatten, versuchten wir auch, uns musikalisch neu zu orientieren. Dann dauerte es ein ganzes Jahr, alleine die Musik zu schreiben, und noch ein paar Monate, um alles soweit fertigzuhaben, daß wir ins Studio gehen konnten. Eine lange Zeit, vielleicht zu lang für die Fans. Hoffentlich schaffen wir es in Zukunft, jedes Jahr eine Scheibe aufzunehmen. Besser wäre das in jedem Fall.

"A Pleasant Shade Of Gray" beinhaltet nur einen einzigen Song, der aber in zwölf Teile unterteilt ist. Meiner Meinung nach könnten diese Teile auch als einzelne Songs durchgehen. Warum habt ihr sie also künstlich zusammengepackt?

Haben wir nicht, denn in der Tat ist die ganze Scheibe nur ein einziger Song. Der einzige Grund für die Unterteilung war, daß der Zuhörer im Stück leichter hin und her springen kann, wenn er will. Wir fanden es ein wenig frustrierend, wenn nicht für uns, so doch für den Hörer, wenn er die ganze Platte am Stück hören muß, ohne zwischen Stücken hin und her springen zu können. Die zwölf Teile gibt es also nur, um es dem Hörer leichter zu machen.

Und wieso habt ihr ein Album mit nur einem Song aufgenommen?

Weißt du, in der Vergangenheit haben wir versucht, Songs für's Radio zu schreiben, und der Erfolg war eher bescheiden. Mit diesem Album sind wir nun an einem Punkt unserer Karriere, wo wir das nicht mehr wollen. Also haben wir jetzt eine Anti-Radio-Scheibe gemacht. Es ist uns egal, ob sie uns im Radio spielen oder nicht. Weil heutzutage eh kein Rock mehr im Radio läuft. Yeah, wir wollten wirklich eine Anti-Radio-Scheibe machen, so nach dem Motto: Wenn sie dir gefällt, ist es gut, aber du wirst sie wahrscheinlich nicht im Radio hören. Wir wollten einfach ein gutes Album machen, ohne Rücksicht auf das Radio, und ich denke, das ist uns gelungen.

Aber wenn du ehrlich bist, hat sich doch speziell "Parallels" nicht schlecht verkauft, oder?

Das ist wahr, also offensichtlich haben wir auf diesem Album irgendetwas richtig gemacht. Auf der folgenden US-Tour gab es auch etliche ausverkaufte Shows, es war unsere größte Tour. Als wir dann auf Tour nach Deutschland kommen wollten, funktionierte irgendwie das Zusammenspiel mit der Plattenfirma nicht mehr. Obwohl das Album zunächst recht erfolgreich war, brach plötzlich alles um uns herum zusammen. An dem Punkt wollten wir schon fast alles hinschmeißen und waren ziemlich frustriert vom ganzen Musikbusiness. Als danach "Inside Out" rauskam, handelten die Lyrics auf dieser Scheibe auch viel von diesen Dingen, von der Frustration mit Plattenfirmen und dem Business im allgemeinen.

Aber das neue Album ist nicht nur einfach unkommerziell, es ist wirklich sehr progressiv. Ich schätze, ihr werdet Schwierigkeiten haben, die alten Fans mit diesem Material zu erreichen.

Ich denke, viele FATES WARNING-Fans werden es gutheißen, daß wir eine progressive Band sind und auch immer waren seit "Awaken The Guardian". Wenn es alte Fans aus John Arch's (erster FW-Sänger - d.Verf.) Tagen und der damaligen Musik gibt, werden sie wissen, daß wir uns so weit davon entfernt haben, daß wir niemals wieder so klingen werden. Ich meine, das war immerhin Anfang der Achtziger, vor 15 Jahren. Und im √úbrigen gibt es ja auch genug neue Fans. Die aktuelle Scheibe verkauft sich in den ersten paar Wochen besser als jedes unserer vorherigen Alben.

Was die Musik angeht: Die Scheibe klingt, als sei Hauptsongwriter Jim Matheos sehr stark DREAM THEATER-beeinflußt.

Oh, Jim hat sicher eine Menge Einflüsse. Und wir sind schon immer sehr progressiv gewesen. Das war vielleicht auf den letzten Alben nicht so zu erkennen, weil wir versuchten, Musik für die breite Masse zu schreiben, für das Radio eben. Wir haben damit unsere Progressivität sicher ein wenig versteckt, und wie wir wirklich sind. Durch den Erfolg von DREAM THEATER und deren Popularität vergleicht uns natürlich jeder mit ihnen.

Was für Musik hörst du denn privat so?

Och, eigentlich alles. Heavy Metal, ruhigere Sachen, auch Radio-Mucke.

Naja, das war so eine Interview-Standardfrage, auf die Ray offensichtlich keinen Bock hat. Also lassen wir das. Ich frage ihn stattdessen, warum er keine Songs für FATES WARNING schreibt. Zumindest die Texte wären ja eigentlich sein Metier als Sänger.

Ich habe mit meinen Melodien und Gesangslinien schon genug zu tun, und außerdem leistet Jim ordentliche Arbeit. ich glaube nicht, daß ich mich da einmischen muß. Vielleicht werde ich in Zukunft irgendwann mal Songs schreiben, aber wer weiß das?

Auch wenn Jim die Texte schreibt, hast du sicher eine Ahnung, worum es in den Lyrics des aktuellen Albums geht ...

Ja, wahrscheinlich könnte dir Jim wirklich mehr darüber erzählen. Aber ich kann dir sagen, daß sie sich um Gedanken, Emotionen, Erinnerungen und sowas drehen. Es geht um eine Person, die über das Leben im allgemeinen nachdenkt. Die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft.

Stellt das Album so gesehen eine chronologische Entwicklung dar, von Teil 1 bis Teil 12?

Oh, diese Entwicklung findet eher in Echtzeit statt. Diese Person liegt auf ihrem Bett, spät in der Nacht, und alle diese Gedanken laufen durch ihren Kopf innerhalb der 50 Minuten, die das Album braucht, um einmal durchzulaufen, und dann ist die Person eingeschlafen.

Auf die Frage, wie man diesen Song denn live umsetzen will, antwortet Ray:

Wir spielen einfach das gesamte Album. Dazu gibt's noch ein paar ältere Songs, aber nichts von den ersten drei Alben.

Gibt es denn immer noch alte Fans, die John Arch als Sänger vermissen und die die alten Songs hören wollen?

Da bin ich mir ziemlich sicher, daß es die gibt. Das ist eine Sache, die niemals aufhören wird. Die Leute werden immer nach alten Songs fragen. Und ich kann's verstehen, denn ich war ja auch früher schon ein großer FATES WARNING-Fan, der auch die alten Sachen mag. Aber wir haben seit meinem Einstieg immerhin fünf Alben rausgebracht, und die Leute müssen endlich die neuen FATES WARNING realisieren, obwohl man bei fast zehn Jahren wohl auch nicht mehr neu sagen kann.

Auch ich werde mich wohl damit abfinden müssen, niemals wieder Songs wie "The Apparition" oder "Guardian" live zu hören. Tja, die Zeiten ändern sich halt.

Restless

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